Feuilleton und Islamismus

Kulturenkampf in den Medien
Eine Diskursanalyse
By: Amadou Sow

Der liberale Westen ist unter Beschuss. Seit dem Untergang der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten hat es keine vergleichbare Bedrohung für den Lebensstil auf der westlichen Insel der Seligen gegeben. Ähnlich wie zu Zeiten des Kalten Krieges herrscht Furcht vor einer fünften Kolonne, einer heimlichen Gruppierung im Inneren, die die Subversion des Systems betreibt. Was früher die kommunistischen Parteien von der „Partido Comunista de España“ am Atlantik bis zur griechischen „Kommounistikó Kómma Elládas“ südlich des Balkans waren, sind heute zahlreiche dezentralisierte Moscheen und Imame, die die „soumission“ der westlichen Gesellschaft predigen. Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Islamismus.

Überall verdingen sich nun Geisterjäger mit allerlei exorzistischen Theorien, die an Kernpunkten die Natur der Gefahr verkennen und gänzlich schädliche Heilversuche propagieren. Ein Blick in die ZEIT, Bastion des bildungsbürgerlichen Zeitungswesens, soll den „modus“ dieses neuen öffentlichen Diskurses über den „clash of civilisations“ veranschaulichen.

Der Journalist Ulrich Greiner schreibt im Frühjahr diesen Jahres (ZEIT 04/15) über die Konfrontation zwischen West und Mittelost. Dieser Zusammenprall gebäre zwei entgegengesetzte Reaktionen. Eine Dichotomie im klassischen Sinne also, zwei inkommensurable Positionen, die auf gänzlich separaten Prämissen beruhen und separate Folgerungen nach sich ziehen müssen. Der Kulturrelativismus stellt den einen Pol dar. Er neige „zum freundlichen Verstehen muslimischer Empfindlichkeiten“. Ihm gegenüber: der Kulturkonservatismus, der die „offensive Kritik des Islams“ und die „Verteidigung abendländischer Errungenschaften“ ermögliche.

Ersterer sei geplagt von „Fantasmen“, überbordener, ja, selbstzerstörender Selbstkritik und demütiger „Verneigung vor dem Orient“. Der andere Pol, den Greiner dem Leser wärmstens empfiehlt, betreibt hingegen auch kein „appeasement“ gegenüber dem radikalen Islam. Vielmehr erlaube er unter Rückbesinnung auf das europäisch-christliche Erbe die Abwehr des islamistischen Terrorismus. Als strahlendes Beispiel, mit dem die These vom wehrhaften christlichen Konservatismus untermauert wird, dient nichts Geringeres als die Kreuzfahrerbewegung. Die Kreuzritter hätten dazu beigetragen, „die abendländische Kultur gegen die muslimischen Feldzüge zu verteidigen“. Dass Greiner ebendieses Beispiel wählt, erlaubt tiefe Einsicht in den ideologischen Kontext der reaktionären Rückbesinnung auf vorgeblich abendländische Werte. Ausgerechnet die Kreuzzüge, dieses Faktum eines explosiven Gemischs aus nicht erbberechtigten, landlosen, jungen Adelssöhnen und kirchlicher „deus vult“-Megalomanie, dieses Massaker nach dem Sturm auf Jerusalem 1099, in dem die Muslime in der Al-Aqsa-Moschee so zahlreich niedergemetzelt wurden, dass die Kreuzfahrer „im Blut bis zu ihren Knöcheln wateten“. Ausgerechnet die Kreuzzüge, die ihren Höhepunkt 1209 in der Eroberung und Plünderung des christlichen Konstantinopels fanden, seien also der Repräsentant europäisch-christlicher Wehrhaftigkeit.

Die Thesen des französischen Journalisten Eric Zemmour weisen den Weg, den die Reaktion im 21. Jahrhundert beschreiten will (ZEIT 04/15). Antirassismus und Globalisierung seien „kriegsstiftender messianischer Fortschrittsglaube“, der letztlich zum „Krieg im Inneren der Nationen“ führe, denn wenn „zwei Völker auf einem Territorium leben, dann herrscht normalerweise Krieg“. Die logische Maßnahme zur Kriegsverhütung sei die Deportation eines der beiden Völker, eine These, der Zemmour laut ZEIT nicht widerspricht. Welches der zwei Völker das zu deportierende ist und wie zu man zu diesem Schluss gelangt, mag sich der Leser selbst denken.

Der Kulturkonservatismus ist damit hinlänglich diskreditiert. Seine gedanklichen Prämissen ruhen auf einer Ideologisierung des christlich-abendländischen Erbes, die der islamistischen Verklärung der gewaltsamen Zeit des Propheten Mohammed in nichts nachsteht.

Doch wie steht es um die andere Seite der Dichotomie? Nach Greiner ruht hier der Kulturrelativismus, dieser verweichlichte, wohlstandsverwahrloste westliche Werteverfall. Kann der Westen dem Radikalismus des Islam nichts entgegensetzen außer hedonistische Dekadenz, so scheint er im sozialdarwinistischen Kampf der Lebenswelten zum Untergang verurteilt. Die „décadence“-Narrative sind hinlänglich bekannt. Von Friedrich Nietzsche über Huysmans „Arebours“ bis hin zu Oswald Spengler lässt sich eine Erzählung spinnen, nach der die Ideale des Westens ihre Zeit überdauert haben. Das Christentum, seiner mystisch-theologischen Botschaft entleert, bietet keinen Halt mehr. Der Spätkapitalismus in seiner post-postmodernen Form verurteilt den Einzelnen zu maximaler Freiheit. Maximale Freiheit grenzenlos zu konsumieren, im „cubicle“ zu schuften und seine Orientierungslosigkeit als Ausdruck höchster Unbegrenztheit zu bejubeln.

Die Fleischwerdung des Niedergangs ist „everybody’s darling“ des Literaturbetriebs, Michel Houellebecq. In einem Interview mit der ZEIT verkündet Houellebecq unter Berufung auf denkonservativen Soziologen Auguste Comte die Ablösung des Zeitalters der Aufklärung durch das Zeitalter der Religionen. Auch hier findet sich die diskursprägende Dichotomie. Auf der einen Seite die vollständig kapitalisierte Kultur des Westens, auf der anderen das vitale Heilsversprechen der überindividuellen Religionen.

So also die Zwischenbilanz: die Gegenüberstellung von alterndem Westen und vitalem religiösen Fundamentalismus durchzieht das bürgerliche Gespräch. Tatsächlich lassen sich auch frische und ungewöhnliche Gegenanalysen finden, in ebenderselben Zeitung, in der die bislang am lautesten konversierenden Reaktionären ihrer Stimme zu Gehör verhalfen.

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek zeigt in der ZEIT 03/15, wie sich der gordische Knoten der kontradiktorischen Ideengebilde mithilfe eines Rekurses auf den dialektischen Materialismus Marx’scher Prägung durschneiden lässt. Die Dichotomie aus „saftlosem Liberalismus“ und religiösem Fundamentalismus könne, so Žižek, nur eine auflösen: eine radikale Linke, die die ökonomischen Ursprünge des religiösen Fundamentalismus adressiert.

Mag die Begrifflichkeit auch unglücklich gewählt sein, in klassischen linken Werken, die zunehmend an Bedeutung zurückgewinnen, findet sich nichtsdestoweniger ein Werkzeug zur nüchternen Analyse des sogenannten Kulturkampfes. Ohne den Fehler einer monokausalen, materialistischen Überhöhung des Seins vor dem Bewusstsein einer Vielzahl bisheriger Marx-Interpreten wiederholen zu wollen, schafft ein Blick auf die Sphäre, die Marx in der „Deutschen Ideologie“ und im „Kapital“ als „Basis“ bezeichnete, Aufschluss über den gedanklichen „Überbau“ einer modernen Gesellschaft.

Denn erst die materielle soziale und ökonomische Realität des Westens und ihre ökonomische und militärische Expansion macht die ideelle religiöse Ideologisierung materieller Problematiken möglich. Der Islamismus sei eben nicht ausschließlich, ja, nicht einmal primär, eine Reaktion auf das Säkulare, wie der sonst so luzide Berliner Philosoph Byung-Chul Han in seiner Antwort auf Žižeks Thesen (ZEIT 05/15) behauptet. Dabei verkennt er, wie so viele andere Diskursteilnehmer, dass die Entwicklung des Islamismus den entscheidenden Impuls aus dem Untergang des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg, der Aufteilung und Kolonialisierung des Nahen Ostens und der ökonomischen Zerschlagung und Unterwerfung der Staatengebilde durch westliche Mächte gewann.

Dass die Ausbeutung sich heute verschoben hat, wie Han konstatiert, weg von der Entfremdung von der eigenen Arbeit und hin zur burn-out-Euphorie der Selbstoptimierung, widerspricht dem nicht. Ganz im Gegenteil. Zum einen trifft diese Aussage nicht zu auf die von der Verlockung des Islamismus betroffenen Massen der europäischen „banlieus“. Zum anderen ändert das nichts an der Intensität der Entfremdung des Einzelnen von unseren sozialen Verhältnissen. Es erklärt vielmehr die Kraftlosigkeit der ideellen Werte des Westens, die gelegentlich aus der philosophischen Mottenkiste der Aufklärung herausgezogen werden. „Die neoliberale Herrschaft versteckt sich hinter einer illusorischen Freiheit“, so Han gänzlich treffend.

Die relevante Frage verschiebt sich also dergestalt, dass die Auseinandersetzung nicht mehr auf der idealistischen Ebene eines Kampfes von Gedankengebilden – liberaler, christlich-fundierter Kapitalismus vs. totalitärer Islamismus – stattfindet. Vielmehr rückt die Frage nach den materiellen Ursachen der Entstehung einer radikalisierten, gewaltbereiten Gruppe von Fanatikern in den Mittelpunkt. Es geht um die tatsächlichen Gründe, die eine Gesellschaft erzeugen, die den Islamismus erst ermöglicht. Über die mannigfaltigen sozialen Bedingungen in Ost und West wurde andernorts hinlänglich geschrieben. Von einem politischen Ausweg aus diesen Umständen, der nicht gänzlich liberal auf den selbstverantwortlichen „pursuit of happiness“ oder reaktionäre Träume von der Deportation ganzer Ethnien setzt, lässt sich indes wenig vernehmen. Dabei mag es ebendiesen Weg geben. Solange der neoliberale Kapitalismus an den Prinzipien der ungehinderten weltweiten Expansion des Kapitals in den entlegensten Winkel des Hindukuschs festhält, wird es fehlgeleitete Gegenbewegungen wie den Islamismus geben. Solange im Westen eine Gesellschaft fortbesteht, die mit den Dogmen der persönlichen Selbstoptimierung und Selbstökonomisierung an Lebenswege anknüpft, die den marginalisierten Massen für immer versperrt sein werden, wird die Attraktivität einer fundamentalistischen Religion, die alles Bestehende ablehnt, nicht abnehmen.

Erst wenn es wieder in höherem Maße möglich sein wird, alternative Gesellschaftsordnungen zu denken, wird sich neben der Analyse der Problematik auch wieder eine hoffnungsfrohe Antwort entwickeln lassen. Mit Marx – „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern“.

© 2016 Politik und Gesselschaft e.V.