Pazifismus

Warum Pazifismus nicht funktioniert
Ein überschätztes Ideal
By: Dominik Wullers

In seiner Kolumne (“Im Zweifel links: Wie feige sind die Deutschen?”, Spiegel Online, 11. Juni 2015) freute sich Jakob Augstein jüngst über eine aktuelle Studie, wonach die Deutschen den Polen und Balten bei einem russischen Angriff nicht zu Hilfe kommen würden. Das nutzt Augstein auch gleich als Aufhänger, um die Demilitarisierung Deutschlands zu preisen und den deutschen Soldaten zuzurufen, dass sie sich ihre „komischen Ideale […] in die Haare schmieren“ können. Die Ideale, für die ich als Soldat kämpfe, sind übrigens Recht und Freiheit. Die möchte ich aber lieber nicht in meinen Haaren, sondern im Grundgesetz wissen. Damit diese Ideale auch für unsere Bündnispartner gelten, würde ich mich auch nach Riga oder Warschau versetzen lassen, um jegliche Aggression gegen unsere Freunde im Osten zu verhindern.

Umgekehrt wäre es interessant zu wissen, für welche Ideale denn Jakob Augstein kämpfen würde. Für Meinungsfreiheit und Rechte von Schwulen und Lesben offensichtlich nicht, denn das wären die ersten Gesetze in einem russisch kontrollierten Baltikum, die einkassiert würden. Fraglich, ob man als reich begütertes Verlegersöhnchen überhaupt noch Ideale braucht oder ein geschliffener Zynismus ausreicht. Die beheizten Schreibstuben der Bundesrepublik scheinen jedenfalls ein ideales Biotop zu sein, um die Welt in ihrer Gänze zu verstehen und zu beurteilen. Fazit: Wenn wir alle Pazi fisten wären, wäre alles besser.

pazifismusLeider funktioniert das Pazi fismus-Argument ähnlich gut, wie das Preis-Argument der Ökonomie. Dort wird jegliches Problem einfach mit der Einführung eines Preis-Mechanismus gelöst. Zu wenig Transplantationsorgane: Preise einführen, Handel erlauben, Problem gelöst. Zu viel Gewalt auf der Welt: Pazi fismus einführen, unterm Regenbogen tanzen, Problem gelöst.

Das mag in der Redaktion des „Freitag“ ein heftig beklatschter Lösungsvorschlag sein, krankt aber an seiner Realitätsferne. Wenn alle Menschen friedlich wären, müsste nur ein einziger einen Ast in böser Absicht aufheben und würde den Pazi fismus als instabiles Gleichgewicht entlarven. Aggression und Gewalt sind Teile der menschlichen Natur und heute leider bei Weitem nicht unter Kontrolle.

Natürlich kann man im Irak und in Syrien wegschauen, den Sudan ignorieren und Kim Jong-Un die Daumen drücken. Alles unter der Prämisse, dass Pazi fismus das einzige Ideal ist. In dem Fall muss man aber auch die Steinigung von Frauen in Kabul hinnehmen können. Denn diese Form des Pazi fismus ist nur mit einem gleichzeitigen moralischen Relativismus auszuhalten. Das haben beispielsweise die Grünen erlebt, die angesichts des drohenden Genozids auf dem Balkan den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr mittrugen. Manche Pazi fisten konnten das nicht aushalten und zerschmetterten Joschka Fischer ganz pazi fistisch das Trommelfell.

Hat man aber auch noch andere Werte als einen grundsätzlichen Pazi fismus, wird sich dieser manchmal unterordnen müssen. Zum Beispiel für die Verteidigung unserer Ideale und des Fundaments, auf dem diese ruhen. Dafür gibt es Bürgerinnen und Bürger, die ihre persönliche Zeit und Sicherheit für die Gemeinschaft opfern. Das sind die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die jeden Tag ihren Dienst rund um die Welt verrichten. Die unsere Ideale verteidigen, damit Herr Augstein in aller Ruhe seine Meinung über mich und meine Kameradinnen und Kameraden niederschreiben kann. Zum Glück.

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