„The era of colonialism is over“: Erneuerbare Energien als erneuerbarer Status für Marokko?

Wie Marokko versucht, sich durch erneuerbare Energieprojekte neu zu erfinden und mit europäischen Hegemonien zu brechen – und was das für den Green Deal der Europäischen Union bedeutet.

von Philipp Wagner

Außenpolitik, und das ist nicht erst seit dem Kniefall Willy Brandts bekannt, hat immer auch eine symbolische Komponente. Gesten, Orte, Bauwerke – all dies geht Hand in Hand mit der symbolischen Untermalung von Außenpolitik. Es ist daher kein Zufall, dass sich das Königreich Marokko bei der im Jahr 2016 stattfindenden Klimakonferenz, der Conference of the Parties (COP) der Vereinten Nationen damit rühmt, als einziger afrikanischer Staat zum zweiten Mal diese multilaterale Klimakonferenz zu beherbergen. Es ginge darum, so legt der marokkanische König Mohammed VI in seiner Eröffnungsrede dar, das historische Pariser Abkommen von 2015 zu präzisieren, weshalb die COP 22 in Marrakesch unter den wichtigsten aller Zeiten sei. Raus aus dem Windschatten der westlichen Staaten – so lautet das Motto.

Neuanfang – das ist auch in konkreter Praxis in der marokkanischen Energieaußenpolitik zu spüren. Allerdings geht es Marokko nicht darum, mit bisheriger internationaler Klimapolitik zu brechen und das UN-Framework zu ignorieren. Im Gegenteil: Mohammed VI versichert seit 2016 mehrfach, dass sein Königreich alles unternehmen würde, um zentrale Abkommen wie das UNFCCC von 1992, das Kyoto-Protokoll von 2002 oder das Pariser Abkommen von 2015 vollends zu unterstützen, und zwar sowohl finanziell als auch politisch. So sollen bis 2030 mindestens 52 % der nationalen Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen werden (davon 20 % aus Solarkraft, 20 % aus Windkraft sowie 12 % aus Wasserkraft. Diese sogenannte New Energy Roadmap wird begleitet durch verschiedene interne und externe Finanzierungsmechanismen sowie den beratenden nationalen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat, der durch die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und Gewerkschaften auch die Dezentralisierung der Energieversorgung bis in die ländlichsten Räume hinein begleiten soll.

Unabhängigkeit durch Selbstverwirklichung

Ein Bruch allerdings ist in der marokkanischen Energieaußenpolitik in Richtung Europa sowie in Richtung seiner Nachbarländer zu spüren: Nachdem das maghrebinische Land für lange Zeit nicht als bedeutender Akteur für Klima- und Energiepolitik wahrgenommen wurde, soll Marokko seiner Selbstwahrnehmung nach künftig eine Scharnierrolle zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden einnehmen. Dafür fordert der Staat zum einen eine breite Repräsentativität für Länder des Globalen Südens ein und verweist auf seine besondere Vulnerabilität durch den Klimawandel sowie das wahrgenommene Nord-Süd-Gefälle in bisheriger internationaler Klimapolitik. In diesem Sinne drückt Mohammed VI es 2016 in seiner Eröffnungsrede ganz deutlich aus: „The era of colonialism is over. The logic of imposing decisions is over.“ So auch im internationalen gemeinsamen Klimaschutz. Der ungleichen Verteilung von Macht und Einfluss, durch die die wesentlichen Vorgaben internationaler Klimapolitik vermeintlich aus westlichen Büros stammen, soll ein Ende bereitet werden. In diesem Sinne ist Marokko Mitglied im Climate Vulnerable Forum, einem Zusammenschluss aus 48 südlichen Staaten, die aufgrund der eigenen Verwundbarkeit ein besonderes Interesse an einer maximalen Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius haben und ein alternatives multilaterales Forum eröffnen.

Große Pläne, große Projekte

Durch seine ambitionierte Agenda möchte Marokko auch seinen internationalen Status in Richtung der europäischen Staaten aufwerten. Der nordafrikanische Staat war bislang hauptsächlich auf Importe von Ressourcen aus umliegenden Staaten angewiesen, um seinen nationalen Energiebedarf zu decken. Jetzt sollen Großprojekte den Weg aus der Abhängigkeit bereiten. Dazu wurden unter anderem in den Regionen Tetouan, Essaouira, Tangiers und Tarfaya unter Teilnahme der beiden halbstaatlichen Energieagenturen riesige Windparks errichtet. Potential für Solarenergie hingegen bieten vor allem der Nord-Osten sowie der Süden des Landes.

Allgemein können Infrastrukturen und deren Bereitstellung als ein öffentliches Gut angesehen werden, das von aufstrebenden Mächten genutzt wird, um auch symbolisch eine eigenständige Identität und Macht über ein bestimmtes Territorium zu demonstrieren. Geradezu exemplarisch hierzu erscheint das Megaprojekt des Noor-Solarparks in Ouarzazate: Das im Jahr 2016 ans Netz gegangene solarthermische Großprojekt gilt mit seinen 2500 Hektar als der größte Solarpark der Welt und zeichnet sich durch ein System aus mehr als 500.000 Parabolspiegeln mit einem zentralen Solarturm aus. Das Projekt erlaubt es Marokko, nicht nur für sich selbst rund 580 Megawatt an Strom zu generieren, sondern auch durch direkte Kabelverbindungen nach Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten weite Teile der geschaffenen Energie in umliegende Staaten zu exportieren. Daneben ist es die möglichst grüne, sprich CO₂-neutrale Produktion von Wasserstoff, mit der sich Marokko einen neuen Status erspielen möchte: Nicht nur als potentieller Antrieb für Fahrzeuge, sondern auch als Speichertechnologie für die durch Wind- und Solarkraft produzierte Energie, wird das Gas derzeit von Marokko auf die internationale Agenda gesetzt und die Forschung vorangetrieben. Die Anbindung des eigenen Energienetzwerks an internationale Klimaschutzziele schafft dadurch eine gewisse Unabhängigkeit von externen Energiemärkten.

Globales Joint Venture

Und hier kommen externe Akteure wie die Europäische Union, die Weltbank oder einzelne europäische Staaten ins Spiel: Staaten des Globalen Nordes zeigen ein besonderes Interesse an den Infrastruktur- und Energievorhaben Marokkos und unterstützen deren Aufbau finanziell massiv – darunter die deutsche KfW-Entwicklungsbank oder die Europäische Investitionsbank. Nachdem die 2009 gegründete Desertec-Initiative aufgrund politischer Umbrüche in Nordafrika sowie internen Auseinandersetzungen über die Abnahme des Stroms ins Stocken geriet, sollen dennoch Wege gefunden werden, wie das Energiepotential Nordafrikas auch für europäische Interessen genutzt werden kann. Die deutsche KfW-Förderbank unterstützt den Noor-Solarpark daher mit ungefähr 800 Millionen Euro. Im Juni 2020 unterzeichneten Deutschland und Marokko zudem eine bilaterale Wasserstoffinitiative, durch die das nordafrikanische Königreich eine Summe von rund 300 Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekommt, um Infrastrukturen für die Produktion und den weitläufigen Transport von Wasserstoff zu ermöglichen. Aufgrund von Marokkos verfügbaren Energieressourcen und seinen weitreichenden Policy-Vorschlägen für neue Infrastrukturen zeigen sich mehrere europäische Staaten sowie die Europäische Kommission offen für Energieimporte und Unterseekabelverbindungen aus Nordafrika.

Auch der Green Deal der Europäischen Union stellt ganz klar Kooperationen mit benachbarten Partnerstaaten in den Fokus, um die für 2050 anvisierte Klimaneutralität zu erreichen und weltweit der erste klimaneutrale Kontinent zu werden. Innerhalb dieses ambitionierten Fahrplans bewegt sich auch die EU-Wasserstoffstrategie, die eindeutig auf internationale Partnerschaften zur Produktion des Gases setzt. Um der wachsenden Nachfrage von erneuerbaren Energien gerecht zu werden, setzt die EU auf Importe von Ressourcen und sieht sich explizit als globale Anführerin der Energiewende an. Dadurch entstehen diplomatische Ambitionen, die sich insbesondere in bilateraler Zusammenarbeit widerspiegeln – so auch mit Marokko. Somit reiht sich der Green Deal auch in die europäische Nachbarschafts- und Entwicklungspolitik ein und soll beispielsweise auf industrielle Entwicklungen, Kreislaufwirtschaft und Dekarbonisierung außerhalb der EU einwirken, nicht zuletzt durch die EU-Afrika-Energiepartnerschaft, die bereits 2007 auf dem Lissaboner Gipfel vereinbart wurde.

Gewinner und Verlierer

Das Königreich Marokko steht durch sein Potential in einem besonderen Fokus dieser Energiepartnerschaften. Der Wille Marokkos, sich auf regionaler oder gar globaler Ebene für Klima- und Energiepolitik einzusetzen, zeigt sich auch an der Mitgliedschaft des Landes im Euro-Mediterranen Energieforum (EMEF). Im Rahmen der New Energy Roadmap könnte Marokko auch auf regionaler Ebene eine Führungsrolle zukommen, da es sich auch gegen Algerien als Energieversorger abgrenzen und neue geopolitische Möglichkeiten herbeiführen könnte. Vor allem aber ist es der Wille zum Widerstand zu den wahrgenommenen kolonialen Kontinuitäten mit europäischen Staaten, der Marokko zur Schaffung von Energieautonomie und neuer symbolischer Macht anspornt: Endlich soll nicht mehr nur Europa als Vorreiter für Klimaschutz gelten, sondern auch Marokko möchte zu den wichtigsten Playern gehören.

Durch das erneuerte Narrativ Marokkos ergibt sich jedoch eine zentrale Fragestellung: Wem nützen die innovativen Energievorhaben letztendlich? Kann Marokko tatsächlich mit der wahrgenommenen hegemonialen Praxis des Globalen Nordes brechen und seinen Status in internationalen Beziehungen aufwerten? Vieles spricht auf den ersten Blick dafür. So sollen lokale Arbeitsplätze und breite Strukturentwicklungsprogramme geschaffen werden, die zu ausgedehntem Wohlstand, wirtschaftlichem Aufschwung und Stabilität führen sollen. Durch die Aneignung eigener Handlungsfähigkeit werden eine symbolische Macht sowie das Eigenbild eines unvermeidlichen Akteurs in Sachen Energieproduktion konstruiert, das durch die engen Beziehungen zu nördlichen und südlichen Staaten noch gestärkt wird. Der eigene Status innerhalb des internationalen Klimaschutzregimes soll dadurch aufgewertet und die eigene Unabhängigkeit betont werden.

Andererseits ergibt sich ein gewisses Risiko für das nordafrikanische Königreich: Gerät das Land als bloßer Energielieferant Europas in eine neue Falle der Abhängigkeit, die an koloniale Praktiken erinnert und letztendlich den gewünschten Neuanfang in der internationalen Klimapolitik untergräbt? Dadurch, dass die Europäische Union in Sachen Energiewende selbst nur schleppend vorankommt und der Green Deal eine eindeutige außenpolitische Komponente enthält, ergibt sich die Gefahr, dass die Produktion grüner Energie letztendlich in angrenzende Staaten wie Marokko „outgesourced“ wird, da die eigene Energiewende zu langsam voranschreitet. Es stellt sich nicht zuletzt die Frage, ob es sich bei den „grünen Partnerschaften“ nicht hauptsächlich um geopolitische Faktoren zur Eindämmung des Einflusses von Staaten wie China handelt.

Vielversprechende Vision oder bloß ideale Illusion?

All dies bringt auch neue lokale Dynamiken in Marokko mit sich: Durch den Ausbau von Infrastruktur greift ein Staat stets in den Alltag seiner Bürger*innen und in die Organisation des Territoriums ein und übt seine Hoheit und Macht darüber aus. In diesem Sinne könnte ein exzessiver Ausbau von Solarparks, Windrädern sowie Wasserstofffabriken zu nicht-intendierten Nebeneffekten führen, sodass in Marokko autoritäre Praktiken unter Antrieb des europäischen Green Deals noch verstärkt würden. Beispielsweise kann hier auf die zentralistisch organisierte Energiewende Marokkos verwiesen werden, die kaum auf die Belange lokaler Gemeinschaften eingeht und für Bäuer*innen Wasserknappheit für die Produktion von Wasserstoff verstärken könnte. Inwieweit marokkanische Bürger*innen somit an der von außen angestoßenen grünen Energie mitwirken und teilhaben könnten, bleibt also fraglich.

Abschließend lässt sich also feststellen, dass das Königreich Marokko große Pläne hegt, um der Hegemonie westlicher Staaten in Sachen Klima- und Energiepolitik ein Ende zu bereiten. Es lohnt sich daher, in den internationalen Beziehungen aus dem Denken des „The West and the Rest“ herauszukommen und einen genauen Blick auf die Eigendynamiken zu werfen, die sich in Staaten des Globalen Südens abspielen. Zugleich hat sich gezeigt, dass trotz der Fragmentierungen zwischen Staaten und Regionen Klima- und Energiepolitik stets eine gegenseitige Abhängigkeit hervorrufen, schließlich handelt es sich mit dem Weltklima um ein globales öffentliches Gut. Wohin die von Marokko angestrebte Brückenrolle letztendlich führen und wie sich das Spannungsfeld zwischen Statusgewinn einerseits und neuen Abhängigkeiten und Hegemonien andererseits entwickeln wird, verdient daher in den kommenden Jahren besondere Beobachtung.


 [KMR1]Und könnte man eigentlich streichen, kein schöner Satzanfang.

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