Wie das Coronavirus uns zusammenbringt

Die Pandemie könnte die Krise sein, die die Menschheit gebraucht hat

von Marc Philip Greitens

Trotz allem gewohnheitsmäßigen Genörgel: Die gemäßigten Mehrheitsregierungen der westlichen Welt haben sich im vergangenen Jahr hervorragend geschlagen. Die Radikalen, Populisten, narzisstischen Besserwisser-aber-Nichtskönner sind verstummt oder haben – sofern ihnen der Griff nach der Macht bereits gelungen war – kläglich versagt: Von den AfDs und „Front Nationals“ hört man nichts mehr, der unsägliche Matteo Salvini ist verschwunden. Boris Johnsons „Brexiteer“-Regierung hat sich mit ihrem Zickzack-Kurs zum Gespött nicht nur des britischen liberalen Establishments gemacht. „The Donald“ hat so dramatisch versagt, dass selbst umfangreiche Propaganda, Demokratiemanipulation und Parlamentssturm, das letzte Aufgebot des rassistischen alten Amerikas, und selbst Wladimir Putin ihn nicht mehr retten konnten. Unsere Bundeskanzlerin hat hingen ihr Meisterstück abgeliefert: Dr. Angela Merkel wird als größte Regierungschef*in der deutschen Geschichte eingehen. „Spaltung is out, zusammen is in“ – auch wenn der Trumpismus das immer noch nicht wahrhaben will. 

Wir, die globale Schicksalsgemeinschaft, halten zusammen 

Überhaupt verspürt die Solidarität Frühlingsluft. Noch während die Leichenberge im Weltkrieg gegen das Virus wachsen, sprießt zwischen den Gräbern das Gemeingefühl. Die Seuche, die vorhergesagt, aber nicht erwartet wurde, ist die Krise, die zeigt, dass wir eins sind. Wir, die ganze Menschheit, sitzen im selben Boot. Was irgendwo auf der Welt passiert, ist kein isoliertes Ereignis mehr, es betrifft uns alle. Ein hochinfektiöser Erreger, der in einem Land auf eine*n von uns überspringt, kann innerhalb weniger Wochen das Leben jedes Menschen auf dieser Erde verändern. Wenn Dänen in Zukunft Nerze quälen, müssen sie damit rechnen, dass sie damit New Yorker Yuppies, ruandischen Grundschulkindern und brasilianischen Pensionären die nächsten zwei Jahre versauen. Anschaulicher wurde uns die globale Schicksalsgemeinschaft nie vor Augen geführt. Das ist ein Grund, wenn nicht zur Freude, dann doch zur Hoffnung. 

Die Pandemie beweist, dass wir nicht bloß gemeinsam leiden. Sie zeugt davon, dass wir gewinnen können, wenn wir zusammenarbeiten. Die Entwicklung von Impfstoffen in Rekordzeit hat gezeigt, was erreichbar ist, wenn wir zusammen Wissen schaffen und teilen, wenn wir gemeinsam denken und zusammenhalten. Der britische „Economist“ beschreibt es so: 

„The coronavirus has also revealed something profound about the way societies schould treat knowledge. Consider how Chinese scientists sequenced the genome of SARS-COV-2 within weeks and shared it with the world. The new vaccines that resulted are just one stop in the light-speed progress that has elucidated where the virus came from, whom it affects, how it kills, and what might treat it.“ 

Die Staaten und Unternehmen dieser Welt haben nicht nur ihr Knowhow geteilt. Sie haben gemeinsam den internationalen Verkehr und Handel auf Krisenmodus umgestellt. Sie haben sich gegenseitig bei den erfolgversprechendsten Maßnahmen beraten, um Gesundheitsschutz und Wirtschaftsrettung in schonenden Ausgleich zu bringen. Sie haben einander tonnenweise Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt. Sie haben fremde Staatsbürger evakuiert, um sie in heimischen Intensivstationen zu behandeln. Museen und Universitäten haben ihre digitalen Tore jeder/-m geöffnet, die/der Internetzugang hat. Baltische Pornostars haben ihren Fans auf aller Welt demonstriert, wie man sich beim Sex vor Corona schützt. Russische Popstars haben Lieder zum Durchhalten auf Englisch getextet. Die Bundesregierung ist über ihren Schatten gesprungen und hat mehr Geld für den europäischen Süden locker gemacht als die USA auf Grundlage des Marshallplans für den antikommunistischen Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Netflix, Zoom und Amazon haben uns ohnehin alle gerettet. 

Corona trainiert uns für die Klimakrise 

Das Coronavirus könnte auch der Aufbaugegner sein, den die Menschheit noch gebraucht hat. Das Virus hat uns vor Augen geführt, wie verwundbar wir sind – trotz aller Technologie und allen Reichtums. Es hat bewiesen, dass nicht nur wir Menschen eine globale Gemeinschaft bilden: Die Pandemie hat uns gezeigt, wie eng wir mit Flora und Fauna verbunden sind: Behandeln wir Tiere wie Dreck, laufen wir Gefahr, dass wir selbst davon krank werden. Wildtiere, die ihrem Habitat entrissen werden, rächen sich mit Viren, die wir nicht kennen. Schweine, die wir in Millionen mästen, um sie zu vernichten, und Geflügel, das wir massakrieren, brüten Bakterien, gegen das kein Penicillin-Pilz gewachsen ist: 

„Another reason to expect change – or, at least, to wish for it – is that covid-19 has served as a warning. The 80bn animals slaughtered for food and fur each year are Petri dishes for the viruses and bacteria that evolve into lethal human pathogen every decade or so. This year the bill came due and it was astronomical.“ 

Was der Economist meint, ist: Die Coronakrise macht Hoffnung, wenn wir die Parallelen und den entsprechenden Handlungsdruck in Sachen Klimawandel erkennen. Es muss Schluss sein damit, dass wir Kohle verbrennen und Wälder niederholzen, wenn nicht unsere Erde irgendwann einer Covid-19-Krankenstation gleichen soll: 

„The clear blue skies that appeared as the economy went into lockdown were a powerful symbol of how covid-19 is a fast-moving crisis within a slow-moving one that it in some ways resembles.“ 

Die Pandemie hat gezeigt, dass Sparzwang und nationale Interessen Ausflüchte sind. Steht die Menschheit zusammen, verfügt sie über die Mittel, die Welt zu retten – und jeder Staat kann seinen Beitrag leisten, ohne sich selbst dafür aufgeben zu müssen. 

 Die Pandemie wird die Globalisierung nicht stoppen 

Die Pandemie wird auch die Globalisierung nicht zurückdrehen. Sicher ist, dass viele Unternehmen ihre Lieferketten überprüfen werden, um ihre Resilienz zu steigern. Einige Zulieferer und Produktionsstätten werden wieder näher an ihre Absatzmärkte heranrücken. Der Fernverkehr wird sich möglicherweise dauerhaft verändern. Auch wenn die Luftfahrt sich erholen dürfte, werden Pandemie- und Klimaschutz langfristigen Wandel bedingen. DSGVO, Paywalls auf Internetseiten und digitale Schutzwälle gegen Cyber-Angriffe sind nicht Zeichen von Kapitulation, sondern notwendige Anpassungen an eine vernetzte Weltwirklichkeit, die gekommen ist, um zu bleiben. 

… und der Populismus auch nicht 

Der Brexit oder die Rückkehr des Protektionismus auch unter verbündeten Staaten sind nicht notwendigerweise Zeichen von wiedererstarktem Nationalismus und Kleinstaaterei. Man könnte sie auch als Indiz verstehen, dass ideologische Blöcke bröckeln, vorher undenkbare Allianzen möglich werden und die Welt weiter zusammenwächst: 

Es schafft Hoffnung, wenn Ideologie Pragmatismus weicht. Pragmatismus lässt sich humanistisch wenden, weil Herkunft und Zugehörigkeit in den Hintergrund treten und in der Sache verhandelt wird. Wenn Menschen und Staaten sich auf dem globalen Parkett primär als Interessenssubjekte sowie Nachfrager und Anbieter von Leistungen wirtschaftlicher oder politischer Art begegnen, verlieren tatsächliche oder vorgestellte Ungleichheiten ebenso an Bedeutung wie subjekt- und gruppenbezogene Wertungen, identitätsbezogene Gefühlslagen und Handlungsge- oder -verbote. Man kann die zur Schau gestellte gegenseitige Zuneigung zwischen Trump, Kim Jong-Un und Konsorten als unsägliche Solidarisierung zwischen dem Präsidenten der wichtigsten Demokratie der Welt mit geopolitischen Gegnern und Diktatoren verdammen. Oder aber man freut sich über den neuen globalen Pragmatismus, der auch vor verfeindeten Atommächten nicht Halt macht. Wenn arabisch-muslimische Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate, der Sudan und Marokko endlich diplomatische Beziehungen mit dem jüdischen Israel aufnehmen, ist das ein großer Fortschritt für Frieden und Zusammenhalt auf der Welt. Andere regionale, sunnitisch geprägte Supermächte wie Ägypten und die Türkei kooperieren seit langem mit Israel – auch wenn sie öffentlich nicht damit hausieren gehen. Irgendwann wird auch der Iran seinen Isolationismus aufgeben müssen. 

Die globale Kultur gedeiht weiter 

So wie die Welt gemeinsam leidet, feiert sie auch gemeinsam. Das galt schon vor der Corona-Pandemie, wird aber immer mehr offenbar. Jedes Jahr wird eine stärker globalisierte Menschengeneration geboren. Multiethnische und multikonfessionelle Familien und Gemeinden nehmen nicht nur im postkolonialen Westen zu. Der Online-Handel macht seit längerem auch aus Verbrauchern globale Einkäufer. Zoom, Go-to-meeting & Co. setzen fort, was MySpace und Facebook prominent gemacht haben: Die massenhafte unmittelbare Kommunikation zwischen Bürger*innen sämtlicher ans Internet angeschlossener Staaten dieser Erde. 

Schon heute dürften auch die kulturellen Schnittmengen und der kulturelle Austausch zwischen der Jugend der Welt so groß sein wie nie zuvor. Man nehme nur Hip-Hop-Kultur und Pop-Musik, Online-Gaming und Social Media. Es dürfte heute keinen Staat der Erde mehr geben und kaum eine Sprache, die den von Afroamerikanern erfundenen Rap nicht rezipiert und in ihrer individuellen Färbung weiterentwickelt haben. Heute bringen chinesische Rapper deutsche Festivals zum Kochen, treffen sich arabischstämmige Amerikaner und jüdische Russen zum „Rap-Battle“ und bringen südkoreanische K-Popstars amerikanische Teens zum Kreischen. Auch wenn coronabedingte Reisebeschränkungen europäische DJ*anes daran hindern, in Shanghai oder Hong-Kong aufzutreten, lebt ihre Musik dort fort.   

In Online-Games finden Weltmeisterschaften mit Clans und Einzelspielern statt, die globalen Superstar-Status haben. Auf Instagram, Snapchat, TikTok & Co. erzeugen die Reichen, Schönen und Photoshop-Könner*innen unter den Selbstdarsteller*innen dieser Welt gemeinsam Neid bei der globalen Jugend, die noch dabei ist, sich selbst zu finden. Auf Wikipedia und YouTube legt sich die Welt seit vielen Jahren digitale Mediatheken des gemeinsamen kulturellen Erbes an – auf nie dagewesene dezentral-pluralistische und demokratische Weise. Auch an Trends nimmt heute die gesamte Welt teil, wie „Gangnam Style“ oder „Bucket Challenge“ pars pro toto in den letzten Jahren gezeigt haben. Länger anhaltende Trends wie das „Hipstertum“ schaffen es selbst in Kriegsgebiete oder „failed states“ wie Afghanistan oder der Demokratischen Republik Kongo. Politische Bewegungen wie „#metoo“ und „Black Lives Matter“ machen vor keiner Gesellschaft und keinem Subsystem halt. 

Den richtigen Schluss ziehen 

Hin und wieder las man in den vergangenen Jahren den Scherz: Die Menschheit brauche eine außerirdische Invasion, um endlich zusammenzuwachsen und Frieden untereinander zu erreichen. Denn nur ein gemeinsamer Feind könne uns zusammenschweißen. Die Aussage ist in mehrfacher Hinsicht falsch: Zum einen hat das Coronavirus gezeigt, dass der gemeinsame Feind nicht aus dem Weltall kommen muss. Zum anderen wächst die Menschheit auch ohne gattungsfremden Aggressor immer weiter zusammen.  

Man kann daher auf zwei Dinge hoffen: Dass die globale Party, wenn Corona eines Tages besiegt ist, ekstatisch werden wird. Und dass wir daraus die Kraft und Motivation ziehen werden, gemeinsam die nächste Herausforderung zu stemmen: Den Klimawandel einzudämmen und unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen zu retten.  

Ob Coronavirus oder Klimawandel: Überleben werden wir sie nur zusammen.  M

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