Aktuelle Ausgabe: PuG #22

FREMDE

Illustration: Charlotte Götze

Nächste Ausgabe

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Aktuelle Ausgabe: PuG #22

Ilustration: Philip Heider

Fremd ist alles, was uns nicht vertraut ist, was wir nicht kennen, was uns nicht eigen ist. Es kann Zweifel oder Angst hervorrufen, aber genauso unsere Neugier und Sehnsüchte wecken. Die 22. Ausgabe der PuG widmet sich diesem vielschichtigen Thema auf unterschiedlichste Weise. Was auch immer für euch, liebe Leserinnen und Leser, FREMDE bedeutet. Was auch immer euch FREMDE fühlen lässt: Lasst euch auf sie ein! Wir wünschen euch ganz viel Spaß beim Lesen dieser spannenden, vielseitigen Ausgabe, die euch hoffentlich zum Nachdenken und Diskutieren anregt!

 

 

Aus der aktuellen Ausgabe

Die Sucht nach Fremde
Oder: Reisende soll man nicht aufhalten

bixby

Foto: Bixby Bridge – Big Sur, Anna-Sophie Henke


Der Hype um Auslandsaufenthalte und Reisen ab dem späten Teenagealter, möglichst weit weg und in möglichst exotische Länder der Erde
, ist riesig. Die „Hyperlokale Community“ Jodel macht sich über Lisas (19) Erfahrungen in Australien lustig, Facebook schaltet spezifische Werbung für die betroffene Altersgruppe zu Freiwilligenarbeit, Studium und Praktika in fremden Ländern und spätestens auf jedem zweiten Instagram– oder Tinderprofil findet man das Schlagwort „Reisen“ als Hashtag oder Hobby. Sieht man sich LinkedIn-Seiten karrieretechnisch erfolgreicher Menschen an und liest Stellenanzeigen, so wird schnell klar, dass Auslandserfahrung und das Beherrschen mehrerer Sprachen gang und gäbe sind: Unumgänglich bei hohen Karriereambitionen.  

Fast alle meiner guten Freunde und Kommilitonen haben längere Reisen und Auslandsaufenthalte hinter sich – ungewöhnlich ist es, jemanden zu treffen, der seine Heimatstadt nie für längere Zeit verlassen hat. Natürlich ist diese Freiheit, zu leben wo man möchte, sich andere Länder und Kulturen anzusehen, ein absolutes Privileg, das oftmals auch durch den finanziellen Rückhalt der Familie ermöglicht wird. In meiner Generation ist es besonders typisch für junge Abiturienten und Abiturientinnen, sich für Auslandserfahrungen zu entscheiden, Freiheit zu genießen und Ausbildungs- oder Studienanfang zu verschieben. Müssten wir alle möglichst schnell nach dem Schulabschluss in Brot und Lohn stehen, wären uns diese Erfahrungen verwehrt.  

Allerdings stellt sich die Frage, warum sich so viele meiner Generation dafür entscheiden, Familie, Job, Studium und Gewohnheiten zumindest eine Zeit lang hinter sich zu lassen. Geht es hierbei wirklich nur um den Zugewinn an Erfahrungen? Um das Erlernen einer Sprache? Um die Spannung und den Spaß an anderen Ländern und Kulturen? Um die Verbesserung beruflicher Chancen? 

Schwierigkeiten? Ab ins Ausland! 

Ich glaube nein. Natürlich spielen all diese Faktoren eine große Rolle und gebotene Chancen werden zweifelsohne ergriffen, um andere Länder zu entdecken und neue Erfahrungen zu machen. Doch fast alle meiner reisenden Freunde und Bekannte haben sich – unter anderem – für Auslandsaufenthalte entschieden, um Problemen zu entfliehen. Sie laufen, fahren und fliegen weg vor familiären Schwierigkeiten, Beziehungskrisen, Herzschmerz oder auch, um wichtige Entscheidungen aufschieben zu können und sich – vorerst – nicht näher mit dem ein oder anderen Thema auseinander setzen zu müssen. Und das oftmals nicht nur ein Mal. 

Diese Flucht in die Fremde, das (wenn auch nur kurzzeitige) Zurücklassen von Problemen wird zur Bewältigungsstrategie, zur Sucht.  

Im Alltag vermisst man die Unbefangenheit und Sorglosigkeit einer Reise, die Freiheit, weit entfernt von gewohnten Personen oder Strukturen zu leben. Im vertrauten Umfeld kommt man eben nur schwer drum herum, sich mit seinen eigenen Gefühlen oder schwierigen Entscheidungen auseinanderzusetzen. Prokrastinatorisch werden günstige Flugpreise auf Skyscanner recherchiert, Duolingo hilft bei der sprachlichen Vorbereitung. Reiseführer häufen sich in Regalen und Reisende überlegen, wie sie am besten die weißen Flecken auf der Scratch Map füllen können. Nicht selten finden sich exotische Desktopbilder auf Handy und PC und die Gedanken drehen sich um Erlebnisse vorheriger Reisen und die Planung von zukünftigen. 

Sieht man sich das Alter der Reisenden an, ist dies nur verständlich. Junge Erwachsene müssen plötzlich wichtige, lebensverändernde Entscheidungen treffen und zum Beispiel einen Studienort oder eine Karriererichtung auswählen. Prompt ist man damit auch mit dem Risiko existenzieller Irrtümer konfrontiert. Hat man das Privileg, nimmt man sich also eine Auszeit, schlürft Cocktails in den Straßen Buenos Aires und denkt in Ruhe drüber nach, was man eigentlich möchte. Oder man probiert im Rahmen von Freiwilligenarbeit einfach mal aus, ob man eigentlich zum Lehrer, Arzt oder Sozialarbeiter taugen würde. 

Die Reisen meiner Generation 

Gerade für meine Generation ergibt das Reisen aus zwei weiteren Gründen viel Sinn: 

Erstens ist der Erziehungsstil unserer Elterngeneration eher antiautoritär: Kinder sollen ihre eigenen Erfahrungen machen, Disziplin spielt eine weniger wichtige Rolle als in der Generation davor und vorherige Tabuthemen wie Alkohol, Drogen und Sex können wesentlich öfter offen miteinander diskutiert werden. Wenn wir also nicht mithilfe genau dieser Dinge rebellieren, uns abgrenzen und abnabeln können, dann werden Reisen und Auslandsaufenthalte doch zu einer naheliegenden Lösung.  

Zweitens leben wir in einer reiseoffenen Welt, die durch Angebote wie beispielsweise Erasmus Auslandsaufenthalte besonders attraktiv gemacht wird. Vermittlungsfirmen für Freiwilligenarbeit und Au-pair gibt es wie Sand am Meer, außerdem genießt man gerade mit einem europäischen Reisepass das Privileg der Visafreiheit in vielen Ländern. Flugreisen sind deutlich günstiger als im letzten Jahrhundert und soziale Medien fordern uns ständig dazu auf, die Koffer zu packen und mal kurz abzuhauen. 

Natürlich sehe ich diese Auslandsaufenthalte als wunderbare Chancen und nicht nur kritisch (das wäre auch etwas scheinheilig): Man baut soziale Beziehungen, Freundschaften und sogar professionelle Netzwerke auf und lernt ein neues Werte- und Normensystem der besuchten Kultur kennen – das Weltbild erweitert sich und das ist großartig! Oftmals bemerke ich auch, dass Reisende flexibler und offener sind als nicht gereiste Gleichaltrige. Das Ausland verlangt einem einfach ein gewisses Maß an Improvisationsfähigkeit und Aufgeschlossenheit ab – wichtige Charaktereigenschaften, die ich persönlich in meinem Umfeld sehr schätze.  

Die Kehrseite 

Doch natürlich hat das Weglaufen auch seine Nachteile – beim Gehen gleichermaßen wie beim Zurückkommen.  

Soweit andere Personen wie der aktuelle Lebenspartner, Freunde oder Familienangehörige von den Gründen der sogenannten Flucht betroffen sind, kann eine solche durchaus schmerzhaft sein und verletzen: Für diejenigen, die zurückbleiben. Kollateralschäden, sozusagen. Denn die Reisenden haben die Chance, sich im Ausland mit Neuem abzulenken. Die weitentfernte Familie wird sporadisch per Blog oder WhatsApp auf dem Laufenden gehalten, für tiefergehende Gespräche reicht die Internetverbindung leider nicht aus. Romantische Abenteuer verändern unter Umständen die Lebensperspektive und die Ansprüche an Beziehungen, sodass alte Partnerschaften nicht mehr so funktionieren wie vorher. 

Und danach? Niemand kommt so aus einem anderen Land zurück, wie er gegangen ist. Ich kann subjektiv erzählen, dass ich meine im Ausland gemachten Erfahrungen und erlernten Werte mit niemandem so teilen oder diskutieren konnte, wie ich es mir gewünscht hätte. Es war ja keiner dabei! Ich habe es nie geschafft, allein durch Erzählungen oder Fotos das Erlebte so emotional rüberzubringen, wie es für mich gewesen ist. Für mich war die Konsequenz eine Art von Einsamkeit. So wie ich einen Kinofilm oder Theaterbesuch nach dem Event mit jemandem diskutieren will, Emotionen oder Eindrücke vergleichen möchte, so geht es mir auch nach einem Auslandsaufenthalt. Ziemlich schnell jedoch ist das Umfeld genervt, wenn man schon wieder von Peru, Indonesien oder Mexiko anfängt. Beim Kommentar, dass der Inder an der Ecke aber nicht authentisch ist und beim Suchen von Wörtern in der eigenen Muttersprache (Lisa, 19) verdrehen Mitmenschen offenkundig die Augen. 

Außerdem fallen den Zurückgekehrten plötzlich neue Aspekte im eigenen Land auf. Das durch die andere Kultur erweiterte Normensystem lässt sich nur noch unter Schwierigkeiten zu Hause anwenden. Einschränkungen und Engstirnigkeit drücken im Heimatland an allen Ecken und Enden wie ein zu enger Schuh und man fühlt sich zu Hause nahezu fremd. Die persönlichen Veränderungen und neuen Erfahrungen gleichen einer Abnabelung und diese ist oftmals erst einmal überfordernd. 

Beim Zurückkommen, auch wenn man das engste Umfeld, Arbeit, Wohnung, Job oder Studium noch vorfindet, muss zu einem gewissen Grade neu angefangen werden. Vermutlich haben sich weder familiäre Probleme noch Beziehungsdramen in Luft aufgelöst; auch Entscheidungen haben sich nicht von selbst getroffen. Doch genau dieser Neuanfang ist auch oftmals das Ziel der Reise, da er erlaubt, Probleme später und von einem anderen Blickwinkel zu betrachten. 

Reisende soll man nicht aufhalten 

Mein Fazit ist: Reisende soll man ziehen lassen – denn das Entdecken fremder Natur und Kultur macht einfach zu viel Spaß und ist zu bereichernd. 

Beachtlich ist, dass das menschliche Gehirn erst ungefähr im Alter von 25 Jahren ausgewachsen ist: Vorher ist Baustelle. Entwicklungspsychologische Theorien schreiben den späten 20ern und frühen 30ern einen enormen Entwicklungssprung zu, eine Art von Erwachsenwerden. Mit Mitte – Ende 20 hören viele Menschen das leise Ticken der berühmten biologischen Uhr, müssen so langsam mal an ein eigenes Einkommen denken, oftmals spielt das Alter der Eltern auch eine Rolle. Die Strategie ändert sich also oftmals. Da macht es nur Sinn, die vorherige Nachpubertätsphase mit Weglaufen zu gestalten, solange man noch kann!  

Doch Reisende sollten sich fragen, warum sie reisen. Um des Landes, der Kultur, der Sprache oder der Natur Willen? Oder kann man, wenn man mal ganz ehrlich ist und genau hinsieht, einen kleinen Zipfel der Flucht ins Ausland, des Weglaufens, bei sich selbst beobachten?  

Ist letzteres der Fall, ist das keinesfalls verwerflich. Manchmal ist es sogar goldrichtig, Abstand zu nehmen und sich über eigene Wünsche und Gefühle klar zu werden 

Doch vergleichbar mit dem gestressten Raucher, der an seiner Zigarette zieht oder dem zittrigen Alkoholiker vor seinem ersten Bier, so kann auch der Reisende süchtig werden: Süchtig nach Fremde und nach der kurzzeitigen Entlastung seiner Seele. Langfristig erfordert es Mut, nach anderen Strategien zu suchen, nicht mehr den Weg des geringeren Widerstandes zu gehen und sich letztendlich mit Schmerzhaftem und Belastendem auseinanderzusetzen. Aber: Das ist es wert. Ohne Sucht- und Fluchtaspekte lässt sich das Ausland danach doch auch viel mehr genießen.  

Carolyn Goercke 

Hertie School of Governance

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