Coming up: PuG #21

Scheitern.

Illustration: Charlotte Götze

Mehr zum Leitthema

Leitthema der kommenden Ausgabe ist “Scheitern”. Hier ein paar Anregungen für Deinen Beitrag:

SCHEITERN

  • DER WELTORDNUNG NACH 1945: Scheitern des Neoliberalismus als Werte- und Weltordnung? Willkommen zurück, Unilateralismus? Scheitern der Ost-West-Integration seit 1989?
  • DER IDEE DES INTERNETS:  Perversion des Individualismus – Selbstoptimierungswahn oder freie Persönlichkeitsentfaltung? Diskurs in der Filterblase: Sind offene Debatte noch möglich?
  • DES HUMANISMUS: Ideal vs. Realität: Umgang mit Geflüchteten; Staatsverschulden und Kürzungen bei Sozialleistungen, Rentenversicherungen und co.: Sparen am falschen Ende?
  • VON IDEALEN: Was wurde aus ’68? Persönliches Scheitern; Vermeintliches Scheitern/Scheitern als Chance? Loslösen von Konventionen und Erwartungen.
Vorläufiger Einsendeschluss für Artikel ist der 12. Oktober 2018. Mehr zum Thema Beitragen erfährst Du hier:

Du kannst Dich auch direkt per Mail an uns wenden unter kontakt@politik-gesellschaft.com.

Aktuelle Ausgabe: PuG #20

Mit der aktuellen Ausgabe zum Thema Neuanfang hat sich einiges geändert bei uns, vom Layout bis zur Chefredaktion. Für unsere Leser gibt es außerdem spannende neue Rubriken zu entdecken. In der Rubrik Recht erscheinen zukünftig Artikel, die beispielsweise Themen aus völker- und europarechtlicher Perspektive beleuchten oder sich mit rechtsethischen Fragen auseinandersetzen. Unsere neue Interview-Reihe “Vorbilder” stellt starke, inspirierende Frauen vor. Ebenfalls neu ist unsere Reihe mit Musikrezensionen, die Euch hörenswerte Alben vorstellt. Auch inhaltlich steht diese Ausgabe unter dem Leitthema Neuanfang. Die aktuellen Umbrüche auf der Bühne der Weltpolitik, aber auch langfristige Entwicklungen wie die Digitalisierung und der Klimawandel fordern vielerorts ein Umdenken und bedeuten möglicherweise einen (unbequemen?) Neuanfang. Wie immer gibt es neben Artikeln zum Leitthema jede Menge mehr zu lesen. Und auch unser Kunstteil ist wieder gefüllt mit Prosa, Lyrik sowie einer Fotoreihe aus Istanbul. 

 

Aus der aktuellen Ausgabe

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Quo Vadis, Cuba?

Kuba – karibisches Urlaubsparadies und sozialistischer Einheitsstaat. Das Land, dessen jüngere Geschichte von der sozialistischen Revolution geprägt ist, könnte vor einer Zeitenwende stehen: Die Ära Castro geht zu Ende. Nachdem Revolutionsführer und langjähriger Staatschef Fidel Castro 2016 starb, übernahm sein Bruder Raúl offiziell die Regierungsgeschäfte. Im April 2018 trat er zurück, nachdem er seinen Rückzug aufgrund des Hurricanes Irma verschoben hatte. Nach ersten Reformen in den letzten Jahren fragt sich, wohin Kuba unter einer neuen Regierung steuern wird. Wird sich das Land in Richtung westlicher Demokratie und Marktwirtschaft wenden? Oder bringt die Machtübergabe keinen Neuanfang, sondern den organisierten Stillstand?

 

Wenn man durch die Straßen Havannas schlendert, macht sich die Veränderung bemerkbar. Sozialistische Parolen treffen auf quirliges Nachtleben. Während am Platz der Revolution Che Guevaras Antlitz an der Hausfassade prangt, funkeln in anderen Stadtvierteln Havannas die Namen von Luxusboutiquen. 

In unmittelbarer Nähe zum alten Präsidentenpalast Batistas, welcher nach der sozialistischen Revolution nun ein Museum über die Heldentaten von Fidel und Che beherbergt, entstehen neue Hotels. Die verfallenen Fassaden werden restauriert – zumindest die in erster Reihe an der Promenade Malecón. Längst tuckern nicht mehr nur bunte Oldtimer über die Straßen. Auf öffentlichen Plätzen versammeln sich die jungen Kubaner, um sich in die dort verfügbaren Internet-Hotspots einzuwählen. Es tut sich etwas auf Kuba. 

Jahr 60 nach der Revolution 

1959 stürzt Fidel Castro mit einer Gruppe Revolutionäre durch eine Revolte das US-hörige, auch bei Bürgerlichen verhasste Batista-Regime. Einer seiner Mitstreiter: Che Guevara, der zu einer Ikone der linken Studentenbewegung wird. Seither gilt in Kuba eine neue Zeitrechnung: 2018 etwa ist das 60. Jahr nach der Revolution. 

Danach errichtet Castro selbst ein totalitäres Regime, angelehnt an die europäischen Ostblockstaaten. Sein Bruder Raúl Castro wird Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Die Revolution bringt zunächst in vielen Bereichen Fortschritt: Die Alphabetisierung der Landbevölkerung wird vorangetrieben, das Bildungssystem reformiert, die Gesundheitsversorgung modernisiert, die Stellung von Homosexuellen in der Gesellschaft verbessert. Von diesen Modernisierungen profitiert Kuba noch heute. 

Andersdenkende müssen jedoch zunehmend mit Repressionen rechnen. Bereits 1961 erklärt Fidel: „Mit der Revolution geht alles, gegen die Revolution geht nichts.“ Viele Intellektuelle verlassen das Land. 

In den 1990er Jahren beginnt Kuba; sich der Marktwirtschaft zuzuwenden, nachdem die – auch durch den Zusammenbruch der Sowjetunion verursachte – Wirtschaftskrise das Land an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Fidel Castro führte das Land näher an Venezuela heran – und versuchte so, der Krise Herr zu werden. Noch heute erinnern sich viele Kubaner mit Schrecken an die als „Sonderperiode in Friedenszeiten in das kollektive Gedächtnis eingebrannten Jahre. Auf selbstgebauten Booten versuchen viele über das Meer in die USA zu fliehen – und riskieren ihr Leben. 

Als Fidel 2008 offiziell seine Ämter niederlegte – man munkelt, Raúl habe die Regierungsgeschäfte bereits spätestens 2006 übernommen beginnt dieser behutsam, das Land zu modernisieren. Raúl tritt auch in der Öffentlichkeit ganz anders auf als sein Bruder. Während Fidel teils stundenlange Reden auf dem zentral in Havanna gelegenen Platz der Revolution vor seinen Anhängern hielt, gibt sich Raúl eher zurückhaltend, sagt nur das Nötige. 

Ein Stückchen Freiheit 

Nach und nach wird per Lizenz der Betrieb von privaten Unterkünften, Restaurants und Betrieben erlaubt. Die Kubaner können – wenn auch kontrolliert – auf das Internet zugreifen. 

Doch der große wirtschaftliche Aufschwung lässt bislang auf sich warten. Noch immer sind die Regale in vielen Geschäften leer. Fleisch gibt es in kaum einer Metzgerei zu kaufen, mit etwas Glück gibt es ein paar Eier. An den Wänden hinter leergekauften Auslagetischen prangen Che-Zitate. Viele Kubaner sind nach wie vor auf die Bezugsscheine der Regierung angewiesen, mit denen sie in sogenannten Bodegas Lebensmittel rationiert und vergünstigt einkaufen können – doch die sollen nach und nach verschwinden. 

Die Verlierer dieser Entwicklungen sind die Kubaner, die keinen Zugang zu Devisen haben. Bereits während der großen Krise am Ende des vergangenen Jahrhunderts waren es vor allem die Exilkubaner, die mit Überweisungen aus dem Ausland die Insel am Leben hielten. 

Den Sprung geschafft? 

Viele Kubaner nutzen die neu gewonnen Freiheiten und betreiben etwa private Restaurants, Hostels oder kleine Betriebe; eine vollständige Öffnung der kubanischen Wirtschaft bedeutet das jedoch nicht. 

Heute gibt es in Kuba zwei Währungen: den Peso Cubano und die an den US-Dollar gebundene „Touristenwährung“ CUC. Die staatlichen Gehälter und Renten, die in Peso Cubano ausbezahlt werden, reichen kaum aus, um sich mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs einzudecken. Eine alte Matratze etwa kostet in einem staatlichen Laden so viel wie eine monatliche Rente. Ein Kellner, der Zugang zu Devisen hat, verdient mit Trinkgeld in einer Woche mehr als ein staatlich eingestellter Arzt in einem Monat. Ein Gehalt reicht meist nur bis zur Mitte des Monats. Die Kubaner sind erfinderisch: Es wird sich gegenseitig unter der Hand ausgeholfen und es wird improvisiert: Da wird schon mal ein Autotank aus einer Plastikflasche gebastelt. Doch wie lange wird die Gesellschaft diesen Spannungen standhalten?

Ein Draht nach draußen 

Bis vor wenigen Jahren noch galt Kuba als „Offline-Insel“. Für eine Modernisierung der Wirtschaft ist Internetzugang in Zeiten der Globalisierung unerlässlich, allerdings würden so auch regimekritische Informationen und Beiträge ins Land kommen. Der Zugriff auf das Web ist daher zeitlich begrenzt, nur an öffentlichen Plätzen möglich und selbstverständlich sind nicht alle Seiten ohne Probleme zu erreichen. Eine Stunde surfen kostet 1 CUC –viel Geld für den Draht nach draußen. Fernsehsender und Zeitungen unterliegen nach wie vor der Zensur. Kritische Journalisten wie die Bloggerin Yoani Sánchez werden streng kontrolliert. 

Eine postrevolutionäre Generation 

Die Errungenschaften der Revolution waren beachtlich. Doch es zeigen sich Risse wie in den Fassaden vieler Häuser, Schulen und Krankenhäuser. 

Es herrscht Lehrermangel auf der Insel. Das einst gepriesene Schulsystem leidet. Häufig wird der Unterricht von schlecht ausgebildeten Hilfslehrern gehalten oder komplett durch das Zeigen von aufgezeichneten Lernvideos ersetzt. Doch noch immer skandieren die Schüler vielerorts nach dem Singen der Nationalhymne: “Wir werden sein wie Che. 

Auch im medizinischen Bereich gibt es Schwierigkeiten: Viele Ärzte haben das Land verlassen, sie wurden von der Regierung in Länder wie Venezuela geschickt im Tausch gegen dringend benötigtes Erdöl. 

Eine junge, postrevolutionäre Generation Kubaner, die die Entbehrungen der 1990er Jahre kaum erlebt hat, die – wenn auch beschränkt Zugriff auf das Internet hat, wird erwachsen. Wie viele der gut ausgebildeten, jungen Kubaner werden bleiben? Wie werden sie das Land verändern? Fragen, auf die sich wohl erst in einigen Jahren eine Antwort finden lassen wird. 

Schwierige Beziehung zum großen Nachbarn 

Es bleibt auch abzuwarten, wie sich die Beziehungen Kubas zu den USA entwickeln werden. Auf nicht offizieller Ebene sind die beiden Länder eng verbunden: Rund 1,2 Millionen Auslandskubaner leben in den USA, vor allem in der Gegend rund um Miami in Florida; nur eine Flugstunde, aber dennoch Welten von Havanna entfernt. Ein kubanischer Witz etwa geht so: Wie miauen die Katzen in Havanna? „Miami, Miami.“ 

Unter Raúl und Obama findet eine erste Annäherung statt. Das von den Vereinigten Staaten 1960 verhängte Handelsembargo wird gelockert, die Botschaft in Havanna direkt an der Uferpromenade wiedereröffnet. Von amerikanischen Flughäfen starten wieder Direktflüge nach Kuba, der Tourismus nimmt zu. 2016 besucht Barack Obama die Insel. Viele Kubaner sind noch immer stolz darauf. Eine alte Dame mit Zigarre im Mund fegt die Straßen von Havanna. Auf ihrer Brust prangt ein Obama-Button. Ein betagter Herr, der seine Rente durch den Verkauf von Erdnüssen aufbessert, erzählt stolz, auch Obama habe seine Erdnüsse probiert. 

Doch der Regierungswechsel hin zu Trump und die bislang nicht aufgeklärten Verletzungen von US-Botschaftsmitarbeitern auf Kuba belasten das Verhältnis der beiden Staaten. Der Ton ist schärfer geworden, weniger Touristen besuchen Kuba. 

Ein langer Weg 

Trotz erster Reformen: Der Weg hin zu einer Demokratie mit freier Marktwirtschaft und gesicherten Menschenrechten ist noch weit. Es ist noch nicht klar abzusehen, wohin sich Kuba entwickeln wird. Auch viele Kubaner zweifeln – und warten. Warten scheint auf Kuba ohnehin zum Alltag zu gehören Man wartet vor der Bäckerei, ob es heute Brot gibt. Man wartet auf den Bus, der mal wieder ausfällt. Oder man wartet auf den politischen Neuanfang in Havanna, der kommt – oder eben auch nicht.  

Mittelfristig wird der Staat wohl nicht jegliche Kontrolle über Staat und Wirtschaft abgeben – auch wenn ein Prozess der Liberalisierung eingesetzt hat. Der im April als Nachfolger von Raúl Castro eingesetzte Miguel Díaz-Canel gilt als zurückhaltend und regimetreu; sorgfältig ausgewählt. Er versichert bereits kurz nach seinem Amtsantritt, am Sozialismus festhalten zu wollen. Denn selbst wenn nun eine postrevolutionäre Generation an der Reihe ist, die Geschicke Kubas zu lenken: Die Castro-Brüder haben die Insel über Jahrzehnte hinweg geprägt. Gerade Fidel ist noch immer präsent, auch wenn er selbst einen Personenkult um sich stets ablehnte. Viele Mauern zieren Graffiti mit seinem Gesicht und Zitaten aus seinen Reden. An den Autobahnen erinnern große Tafeln an die Heldentaten des „Comandante en jefe“. Die parteieigene Zeitung ist überall in mehreren Sprachen verfügbar. Ein Titel: „Fidel. Wir werden treu zu dir stehen.“

Anna Seifert

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