Coming up: PuG #22

Illustration: Charlotte Götze

Mehr zur neuen Ausgabe

Mehr zur Ausgabe #22 und zum neuen Leitthema findet Ihr demnächst hier!

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Aktuelle Ausgabe: PuG #21

Scheitern ist Zeitgeist. Persönliches Gescheitertsein gehört heute fast schon zum guten Ton. Scheitern ist auch politischer Zeitgeist. Niedergangszenarien werden allerorten gezeichnet: Brexit, AfD, Trump, Brasilien, Polen, Klimawandel, Fake News, Datenkrake. Weder außen- noch innenpolitisch bleibt Luft zum Atmen. Mit der PuG #21 – wie mit jeder Ausgabe – legen wir ein Gegenangebot vor. Nicht laut, dafür der Meinungsoffenheit und dem besseren Argument unbedingt verpflichtet. Wir möchten genau das ermöglichen: Den konstruktiven Austausch verschiedener Positionen. Das druckfrische Ergebnis dieses Prozesses haltet Ihr erneut in Händen. Neben dem Leitthema gibt es wie immer jede Menge mehr zu lesen. Wir setzen unsere Interviewreihe „Vorbilder“ fort – diesmal im Gespräch mit Amelie Deuflhard, Intendantin auf Kampnagel. Im Kunstteil findet Ihr unter anderem die Fortsetzung des bisher unveröffentlichten Romans von Sven-Erik Green und eine weitere Albumrezension von Arlette Greitens. Freut Euch also auf eine bunte Auswahl an Beiträgen!

 

 

Aus der aktuellen Ausgabe

Der feine, aber gewichtige Unterschied
Özil und die Integrationsdebatte

Özil

Nichts ist so erfrischend wie ein Perspektivwechsel. Zwischen all dem Klagen von links über den Rückschritt, den die unrühmliche DFB-Affäre um Mesut Özil für Deutschlands Zustand als Einwanderungsland darstelle, und all dem scheinheiligen Trotz des BILD- und Reinhard-Grindel-Volkes, gab es auch Stimmen, die aufhorchen ließen. Zu diesen zählte die Stimme Ferdan Atamans. In einem Beitrag auf Spiegel Online vom 28.07.2018 bewertete sie den Streit um möglichen Rassismus in der Causa Özil positiv. Sie argumentierte, dass die Art und Weise, wie die Debatte geführt werde, nicht ein Zeichen von Rückschritt sei, sondern im Gegenteil bewiese, wie weit es die deutsche Gesellschaft in den vergangenen Jahren als Einwanderungsgesellschaft gebracht habe. Könnte sie Recht haben?


Der Fußball als Motor der Integration

Überhaupt der Fußball. Thomas Mann war es, meine ich, der die integrative Kraft von Kirche und Militär in allen Zeiten und Ländern beschrieb. Heute müsste man den Fußball hinzuzählen. Nichts stand und steht so stellvertretend für den überfälligen Bruch Deutschlands mit der jahrzehntelangen Lebenslüge, kein Einwanderungsland zu sein, wie die deutsche Fußballnationalmannschaft. Was Kanzler Schröder, Vize Fischer und Co. um die Jahrtausendwende auf politischer Ebene und in der Gesetzgebung vollbrachten, taten ihnen Klinsmann, Löw und Co. auf sportlicher Ebene gleich: Sie warfen das NS-geprägte Blut- und Boden-Deutschland über Bord und erlaubten – mit Blick auf die türkischen Gastarbeiter(-kinder) leider sehr spät – auch jenen Mitgliedern der deutschen Gesellschaft die gleichwertige Teilhabe, deren Vorfahren selbst nicht Deutsche gewesen waren. Der Umbruch mündete sportlich in eine nie gekannte Erfolgswelle der deutschen Nationalmannschaft mit Final-, Halbfinal- und Viertelfinalteilnahmen und schließlich dem Weltmeistertitel 2014.

Der Fußball zeigt, wozu Einwanderung führt, wenn man sie richtig managt: zu Erfolgen. Weder der Triumph Frankreichs bei der WM 2018 noch die Triumphe bei der WM 1998 und der EM 2000 wären ohne Einwandererkinder zustande gekommen. Belgien wurde in dem Augenblick zu einem Spitzenteam, als Lukaku, Witsel, Fellaini und Co. endlich mitspielen durften. Viele europäische Spitzenmannschaften erzählen eine ähnliche Geschichte. Auf diesen Umstand spielte Trevor Noah an, als er in der Daily Show vom 18.07.2018 witzelte, Afrika habe soeben die Fußball-WM gewonnen.

Schlagabtausch zwischen Trevor Noah und dem französischen Botschafter

Trevor Noah ist als genialer Nachfolger des weitsichtigen Jon Stewart selbst „Arbeitsmigrant“ aus Südafrika. In o. g. Sendung spielte er darauf an, dass der überwiegende Teil der französischen Fußballnationalmannschaft, die am 15.07.2018 Kroatien im WM-Finale bezwungen hatte, augenscheinlich afrikanischen „Migrationshintergrunds“ war. Diese Analyse stieß wiederum dem Botschafter Frankreichs in Washington, Gérard Araud, übel auf. In einem Brandbrief wies er Noah zurecht, dass nicht Afrikaner, sondern („echte“) Franzosen die WM gewonnen hätten. Noahs ernstgemeinte Entgegnung auf das Schreiben des Botschafters ist ein Lehrstück scharfsinniger Gesellschaftsanalyse:

Er erkenne ja, so Noah, die gute Absicht des Botschafters. Er verstehe ja, dass die französische Regierung die Befürchtung habe, Noahs Witz spiele Rassisten und Rechtsradikalen in die Karten. Denn es gehöre ja zu deren spalterischem Repertoire, zu behaupten, dass jemand der schwarz ist oder arabisch aussieht oder einen Stammbaum hat, der sich nicht auf die Zeiten Karls des Kahlen zurückführen lässt, nicht „echter“ Franzose sein könne.

 

Noah geht zum Gegenangriff über: Schonungslos deckt er die Scheinheiligkeit einer Politik auf, die auf der einen Seite Stimmung gegen Einwanderer macht, aber auf der anderen mir nichts, dir nichts die französische Staatsbürgerschaft verleiht, wenn es ihr „in den Kram passt“. So hatte der „Président de la Republique“ kurzerhand einen Geflohenen aus Mali öffentlichkeitswirksam eingebürgert. Dieser hatte zuvor durch eine waghalsige Rettungsaktion ein Kleinkind vorm Balkonsturz bewahrt, was ein Augenzeuge auf einem „viral“ gegangenen Video festgehalten hatte. Die Erfahrung, dass, „bin ich erfolgreich, ich dazu gehöre, bin ich nicht erfolgreich, ich nicht dazu gehöre“, scheinen im Kontext der WM außer dem Deutschen Özil u. a. auch der Belgier Lukaku und der Schwede Durmaz gemacht zu haben.

Noch spannender sind Trevor Noahs weiteren Ausführungen: Nein, er wolle Pogba, Kanté und Co. nicht ihr Französischsein absprechen, ganz im Gegenteil. Aber ihre afrikanische Abstammung sei ja ganz und gar offensichtlich. Diese afrikanische Herkunft, die er als gebürtiger Südafrikaner mit ihnen teile, „feiere“ er. Noah verweist auf das Vorbild USA, wo niemand die amerikanische Staatsbürgerschaft in Frage stelle, nur weil man sich etwa seiner irischen Wurzeln erinnere und feierlich den „St.-Patricks-Day“ begehe.

Trennung von Staatsangehörigkeit und Abstammung

In diesen Worten liegt eine in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Einsicht. Es handelt sich um die Einsicht, dass Staatszugehörigkeit und Abstammung unabhängig voneinander sind. Als Jurist könnte man von einer Art „Trennungs- und Abstraktionsprinzip“ sprechen, das nur durchbrochen wird, wenn der Gesetzgeber es ausdrücklich anordnet: Natürlich kann ich die Staatsbürgerschaft an die Abstammung knüpfen. Allerdings gehört dieser Ansatz gemeinsam mit der dazugehörigen Ideologie des Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts auf den Schrotthaufen der Geschichte. Denn sie bringen nur Unheil. Das können unzählige Tote allein zwischen 1914 und 1918 und 1939 und 1945 bezeugen.

Wie es richtig geht, zeigen Trevor Noah und die USA. In den westeuropäischen Staaten, die schon lange Einwanderungsländer sind, aber es ebenso lange leugnen, verspricht nur das amerikanische Modell langfristigen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt: War das reine Abstammungsprinzip die These, ist das Verbot, über die Abstammung überhaupt zu sprechen, die Antithese, muss die Synthese lauten: Ich kann Deutscher, Engländer und Franzose sein, und natürlich italienische, nigerianische, japanische oder mexikanische Wurzeln haben. Aber Vorsicht: Die Frage nach der Abstammung ist gerade nicht jene tückische Frage, die die meisten Deutschen mit nichtdeutschen Wurzeln bestens kennen und verabscheuen: Die Frage „Wo kommst du denn (wirklich) her?“ ist eine, die das Deutschsein an sich anzweifelt. Diese Frage ist bösartig und untunlich. Was ganz anderes ist es, die deutsche Nationalität als gegeben anzunehmen und – wenn man denn die entsprechende Intimität erreicht hat – nach der Herkunft der Vorfahren zu fragen.

Viele in Deutschland scheinen dies – auch durch die einende Kraft des Fußballs – mittlerweile zu begreifen. Die Debatte um Özil könnte dabei insoweit Fortschritt gebracht haben, als dass mehr Menschen verstanden haben, dass Nationalität und Abstammung im Ausgangspunkt nichts miteinander zu tun haben. Die Debatte könnte Katalysator sein, dass wir diesen feinen, aber gewichtigen Unterschied verstehen und schätzen lernen. Dass wir für selbstverständlich halten, dass Mesut Özil und Ilkay Gündogan Deutsche und deutsche Nationalspieler sind, aber dennoch ihre türkischen Familien und Wurzeln nicht leugnen können oder müssen. Wenn diese Erkenntnis am Ende der Debatte steht, hat Ferdan Ataman Recht.

Marc Philip Greitens

 

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